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über das Phänomen “Tango Argentino” von Birgit Disenko und Otto Köllner
Er erhebt sich, sucht ihren Blick: zur Tanzfläche weisende Kopfbewegung, ein bejahender Augenaufschlag von ihr, dann stehen sie sich auf der Tanzfläche gegenüber. Besitzergreifend legt er den Arm um ihren Rücken, ein kurzes sich Einwiegen, ein Abtasten der Körperinformationen des anderen - und schon flitzen Beine in Drehungen, Haken, Wirbeln über den Tanzboden, während die Oberkörper merkwürdig ruhig bleiben.
Was machen die da?  Sie tanzen Tango, den “echten”, den argentinischen - nicht den in Europa so verbreiteten, quasimilitärischen und unerotischen Standardtango.
Argentinischer Tango, das heißt - ein Gedanke, den man tanzt, eine Stimmung, eine Melancholie und vor allem: Eine Beziehung zwischen zwischen diesen beiden da auf der Tanzfläche, eine, die sich in jeder Sekunde ändert, neu definiert wird. Spannung: kommt sie mit? Bricht sie aus? Wohin geht sein nächster Schritt? - und diese Kommunikation findet scheinbar nur mit den wirbelnden, flitzenden Beinen statt. Kommunikation der Körper plus ständiges Überraschen und Einfühlen macht die erotische Spannung greifbar.
Im allgemeinen nimmt man an, dass die Ursprünge des Tango um 1880 datieren, in einer Zeit, in der Massen von (überwiegend männlichen) Einwanderern nach Buenos Aires strömten. Der Traum vom schnellen Wohlstand erfüllte sich für viele von Ihnen nicht. Sie mussten im Gegenteil in den armseligen “Conventillos”, den Mietskasernen im Hafenviertel von Buenos Aires, zusammengepfercht mit acht bis zehn anderen Personen in einem Zimmer, ihr Leben fristen. Naturgemäß wucherte hier, wo die Anzahl der Männer die der Frauen bei weitem überstieg, die Prostitution und die Zuhälterei.  In dieser drangvollen Enge, die durch Armut, Krankheit und verlorene Hoffnung gekennzeichnet war, entstand aus den verschiedenen musikalischen Einflüssen der Tango. Die Spanier und Italiener trugen ihre kantablen Melodien und die Poesie, die Habanera aus dem karibischen und der Canyenge aus dem brasilianischen Raum steuerten den Rhythmus bei. Und schließlich prägte das deutsche Bandoneon, von den Seeleuten nach Buenos Aires gebracht, die Musik des Tango. Lange blieb der Tango als gesellschaftlich nicht aktzeptable Musik auf die Rotlichtviertel von Buenos Aires beschränkt, allenfalls tauchte gelegentlich ein gelangweilter Ehemann der Oberschicht in den schummrigen Tanzsalons auf, um einmal die Früchte der Unmoral und des Lasters zu genießen.
Doch zurückkehrende Auswanderer brachten den Tango mit nach Europa, wo er ab 1911 als prickelnder
Modetanz Eingang in die Pariser Salons fand. In der Folge trat er seinen Siegeszug durch Europa an und fand so auf Umwegen in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts auch seinen Platz in den Salons der europhilen Oberschicht Argentiniens. Der Tanz wurde ein wenig “entschärft”, man tanzte nicht mehr so eng,dafür um so elegante und virtuoser den “Tango del Salon”, und auch aus den Texten verschwand das “Lunfardo”, der burleske und direkte Dialekt der Hafenbevölkerung. Ein Beispiel hierfür ist Anfang der 30er Jahre der berühmte Sänger Carlos Gardel, der von allen “Tangueros” glühend verehrt wurde und mit dazu beitrug, dass der Tango in allen Schichten als nationales Kulturgut akzeptiert wurde.
Natürlich existierten auch während der 30er und 40er Jahre neben den eleganten Salons der Mittel- und Oberschicht die einfachen Tanzveranstaltungen für das Volk, die weiterhin in großen Sportarenen oder auf der Straße in den einzelnen Vierteln stattfanden. Aus dieser Zeit stammen die Legenden der großen Tänzer wie El Cachafaz, Vasco Ain oder Mendez.
Als gegen Ende der 40er Jahre eine Militärdiktatur die andere ablöste (ab 1953 Juan Peron), begann der Niedergang des Tango. Immer noch als Keimzelle der Unmoral, Subversion und Anarchie betrachtet, wurde er von den Militärs als Tanzveranstaltung zunehmend verboten. Doch der Tango überlebte als Lied im Bewusstsein der Argentinier, bis er in den 80er Jahren seine  Neuentdeckung als Tanz durch die Europäer erfuhr und in der Folge auch in Argentinien einen Aufschwung sondergleichen erlebte.
Was lässt uns diesen alten Tanz heute noch so attraktiv erscheinen, dass in allen größeren Städten Deutschlands und Europas argentinischer Tango getanzt wird? Die Suche nach Freiheit im Einzeltanz, das Abhotten, Zudröhnen in der Disco hat zu Coolness und Isolierung geführt. Der Tango ist ein inniger Dialog, eine Form der Kommunikation ohne Worte, aber auch die Konfrontation zweier Menschen in ihrer Körperlichkeit: Mann und Frau... Während in anderen Tänzen die choreographische Form (also: Reihenfolge der Schritte, Raumbedarf..) für das Wesen des Tanzes bestimmend ist, lässt sich der Tango nicht festlegen. Er schöpft seine Lebendigkeit aus Improvisation, Gefühl und Kommunikation. Die unendlichen Formen der Begegnung zwischen den Tänzerinnen und Tänzern: Umarmung, Schönheit, Stolz, Bewunderung, Witz, Abgrenzung, Besitz, Hingabe, Geborgenheit... haben ihren Platz im Tango.
Der Tanz wird zu einer gemeinsamen Reise - einer Vereinigung auf Zeit
Die Voraussetzungen für die Vermittlung eines Tanzes ohne generelle Regeln, dessenGrenzen in seiner ästhetischen Wirkung, dem anderen Körper, durch andere Paare festgelegt sind, werden in Europa durch eine Vielzahl von Tangostudios, Initiativen und Workshops von erfahrenen argentinischen und deutschen Tänzerinnen und Tänzern geschaffen.
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